Fachbeiträge


Expertenstandards vs. Leitlinien in der Pflege

Pflegefachpersonen arbeiten heute in einem hochkomplexen Gesundheitswesen. Gehen Sie auf das Dreieck, um mehr über das relevante Thema Expertenstandards und Leitlinien zu erfahren.

Medizinischer Fortschritt, steigende Versorgungsbedarfe, Fachkräftemangel und neue Rollenprofile erfordern verlässliche, aktuelle und fachlich fundierte Orientierungsrahmen. Zwei zentrale Instrumente spielen dabei eine Schlüsselrolle: Expertenstandards und Leitlinien.
Beide verfolgen das Ziel, Qualität und Sicherheit zu fördern – unterscheiden sich jedoch in Entstehung, Funktion und Anwendung. Für beruflich Pflegende in allen Sektoren des Gesundheitswesens ist es essenziell, diese Unterschiede zu kennen und professionell zu nutzen.

Qualitätsniveau mit bewusstem Abstraktionsgrad

Expertenstandards beschreiben nicht konkrete Handlungsanweisungen im Sinne starrer Regeln, sondern formulieren ein pflegefachlich begründetes Qualitätsniveau, das professionelles Pflegehandeln leiten soll. Sie bewegen sich dabei bewusst auf einem gewissen Abstraktionsniveau, um in unterschiedlichen Settings, Versorgungssektoren und Pflegesituationen anwendbar zu sein.

Entwickelt werden sie in Deutschland durch das Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) unter Einbezug wissenschaftlicher Evidenz und pflegefachlicher Expertise.

Zentrale Charakteristika von Expertenstandards

  • Definieren qualitative Anforderungen, nicht konkrete Einzelschritte.
  • Sind empfehlend, nicht rigide oder schematisch.
  • Lassen bewusst professionellen Entscheidungsspielraum.
  • Erfordern fachliche Interpretation und Anpassung an den Einzelfall.
  • Dienen als Orientierungs- und Bewertungsmaßstab für Pflegequalität.

Expertenstandards beantworten damit nicht die Frage „Wie genau muss ich etwas tun?“, sondern vielmehr: „Welches Qualitätsniveau muss professionelle Pflege erreichen?“

Gerade dieser Ansatz entspricht dem Selbstverständnis einer wissensbasierten Profession – er setzt jedoch voraus, dass Pflegefachpersonen über ausreichende fachliche Kompetenz, Zeit und strukturelle Rahmenbedingungen verfügen.

Kritische Einordnung: Aktualität und Wissensstand

Ein wesentlicher, fachlich notwendiger Kritikpunkt betrifft die Aktualität einzelner Expertenstandards. Aufgrund des aufwendigen Entwicklungs- und Konsentierungsverfahrens können zeitliche Verzögerungen entstehen, die dazu führen, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zeitnah abgebildet werden.

Beispiel: Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe liegt in seiner 2. Aktualisierung aus dem Jahr 2017 vor. Seitdem hat sich der internationale Wissensstand deutlich weiterentwickelt:

Die pflegerelevante  internationale Leitlinie Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries: Clinical Practice Guideline, herausgegeben vom European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP), dem National Pressure Injury Advisory Panel (NPIAP)und der Pan Pacific Pressure Injury Alliance (PPPIA), wurde 2019 aktualisiert und 2025 erneut überarbeitet und veröffentlicht.Diese Leitlinien berücksichtigen neuere Evidenz zu:

  • Risikoeinschätzung
  • Präventionsstrategien
  • Material- und Hilfsmittelanwendung
  • interprofessionellen Verantwortlichkeiten

➡️ Daraus ergibt sich eine fachliche Diskrepanz:
Der nationale Expertenstandard bildet nicht in allen Bereichen den aktuellen internationalen Erkenntnisstand ab.

Konsequenzen für die Pflegepraxis

Für Pflegefachpersonen bedeutet das:

  • Expertenstandards bleiben ein zentraler Referenzrahmen für Pflegequalität
  • sie dürfen jedoch nicht isoliert angewendet werden
  • bei dynamischen Fachthemen ist eine Ergänzung durch aktuelle nationale und internationale Leitlinien zwingend erforderlich

Professionelle Pflege zeigt sich gerade darin,

  • Abstraktionsniveau zu erkennen,
  • Aktualität kritisch zu prüfen
  • internationale Evidenz einzuordnen,
  • und pflegefachliche Entscheidungen fachlich zu begründen.

Dies gilt insbesondere in sensiblen Bereichen wie:

  • Haftungsfragen
  • Pflegegutachten
  • Qualitätsprüfungen
  • interprofessionellen Konfliktsituationen

Expertenstandards sind Maßstab – nicht Endpunkt

Expertenstandards definieren das pflegefachlich erwartete Qualitätsniveau, nicht den gesamten Wissensstand der Pflege. Ihre Stärke liegt in der Strukturierung und Professionalisierung – ihre Grenze in der zeitlichen Aktualität.

Für beruflich Pflegende heißt das:

Expertenstandards anwenden, Leitlinien ergänzen, Pflegewissen kontinuierlich aktualisieren.

Nur so kann Pflege ihrer fachlichen Verantwortung gerecht werden – evidenzbasiert, reflektiert und professionell.

Was sind Leitlinien?

Leitlinien sind systematisch entwickelte Empfehlungen zur Entscheidungsfindung in der Gesundheitsversorgung. Sie können sich auf Diagnostik, Therapie, Prävention, Rehabilitation oder Versorgungsgestaltung beziehen und sind häufig interprofessionell angelegt.

Merkmale von Leitlinien

  • häufig medizinisch initiiert
  • interprofessionell (z. B. Medizin, Pflege, Therapie, Sozialarbeit)
  • unterschiedliche Entwicklungsstufen (z. B. S1–S3)
  • Empfehlungen, keine verbindlichen Standards
  • national oder international

Internationale Leitlinien werden u. a. von Organisationen wie der World Health Organization (WHO) oder dem National Institute for Health and Care Excellence (NICE) veröffentlicht.

Leitlinien beantworten vor allem die Frage: Welche Vorgehensweisen werden auf Basis der aktuellen Evidenz empfohlen?

Professionelle Verantwortung: reflektierte Nutzung statt blinder Anwendung

Weder Expertenstandards noch Leitlinien ersetzen professionelles pflegerisches Urteil. Sie sind Werkzeuge – keine Rezepte.

Pflegefachpersonen tragen Verantwortung dafür,

  • Empfehlungen individuell anzupassen
  • Ressourcen, Setting und Patientenbedürfnisse zu berücksichtigen
  • Abweichungen fachlich zu begründen und zu dokumentieren

Gerade hierin zeigt sich professionelle Pflegekompetenz.

Beides kennen, beides nutzen, Pflege sichtbar machen

Expertenstandards und Leitlinien sind unverzichtbare Instrumente moderner Pflegepraxis. Ihre reflektierte Nutzung stärkt Qualität, Sicherheit und Professionalität.

  • Expertenstandards definieren pflegefachliche Maßstäbe
  • Leitlinien erweitern den interprofessionellen Horizont
  • Aktualität, Kontextbezug und pflegerische Beteiligung sind entscheidend

Für beruflich Pflegende in allen Bereichen des Gesundheitswesens gilt:
Wer Standards und Leitlinien kompetent nutzt, stärkt nicht nur die eigene Praxis, sondern auch die Position der Pflege als Profession.

Expertenstandards vs. Leitlinien – die wichtigsten Unterschiede

ExpertenstandardsLeitlinien
Pflegefachlicher FokusMeist interprofessionell
Definieren pflegerische MindeststandardsGeben Handlungsempfehlungen
Klarer Bezug zur PflegepraxisHäufig stärker medizinisch geprägt
Qualitätsmaßstab für PflegeOrientierungshilfe für Entscheidungen
Nationale Bedeutung (DNQP)National & international

➡️ Beides ist wichtig – und nicht austauschbar.


Pflegegrad 1 vor dem Aus? – Zwischen pflegefachlicher Einschätzung und politischer Entscheidung

Vielen Dank an das Team des Pflege-Cast für die Möglichkeit, meine Einschätzung zur aktuellen Kürzungsdebatte in Deutschland einbringen zu dürfen. Der offene Austausch und die Plattform für differenzierte Perspektiven sind gerade in der aktuellen Situation besonders wertvoll.